Samstag habe ich das erste Mal ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Stadion gesehen. Ich war ja schon bei vielen Kicks, aber Nationalelf war noch nicht darunter. Mich interessierten auch viel eher die anderen Besucher als das Spiel - es ging schließlich um wenig bis nichts, und der Gegner Zypern war nun auch nicht besonders attraktiv. Ich hatte mir vorgenommen tolerant gegenüber den anderen Zuschauern, von denen ich annahm, dass sie noch nie ein Stadion von innen gesehen hatten, zu sein. Dies stellte sich dann als schwierig heraus, als ich zum x-ten Mal von einem deutschen Fan mit
Pickelhaube in den Landesfarben angequatscht wurde, ob ich denn auf seinem Platz sitzen würde. Nein, auch diesmal nicht!
Überhaupt war das Publikum, wie erwartet, sehr von Familien geprägt. Vor mir Mama und Papa mit sechsjähriger Tochter und hinter mir Kinder in etwa gleichem Alter. Anscheinend hatte sich der DFB darauf eingestellt, denn es wurde kinderfreundliches alkoholfreies Bier ausgeschenkt.
Nun gut, eigentlich war mir das alles eher egal. Schließlich wollte ich in Ruhe Fußball gucken, ob es vernünftige Stimmung gibt oder nicht. (Bei Vereinsfußball sieht das dann wieder anders aus.)
Wirklich erschrocken war ich dann auch nur über das Ausmaß des Eventcharakters. Ich hatte einiges erwartet - und auch bei 96 hat vieles inzwischen Einzug gehalten - aber diese Penetranz, mit der versucht wurde den Fans Stimmung aufzuoktroyieren und dabei zu werben und zu verkaufen, hat mich doch überrascht. Durch den Abend führten zwei Herren, die, ganz in Fanartikel gekleidet, die Stimmung pünktlich zu Spielbeginn auf den Siedepunkt bringen sollten. Deshalb wurden zunächst alle Tribünen nach ihrer Stimmung abgefragt.
Osttribüne, seid ihr gut drauf?
Jaaaaa.
Das kam mir irgendwie bekannt vor, aus Schalke glaube ich. Wie dem auch sei. Anschließend wurde das
neue, hässliche Trikot angepriesen (
“nur 70€”) und die Mitgliedschaft im Fan-Club Nationalmannschaft powered by coca-cola beworben. Dieser Fan-Club Nationalmannschaft powered by coca-cola macht nämlich immer die tollen Choreographien. Und dieser Fan-Club Nationalmannschaft powered by coca-cola macht auch sonst ganz viele tolle Sachen und bringt viele tolle Vorteile. Zum Beispiel Rabatt auf das neue Trikot. Aber auch nur in diesem Monat.
Zwischendurch wurde auch noch McDonalds als neuer Premiumpartner vorgestellt. Schließlich kommt es im Sport ja auch auf die richtige Ernährung an.
Kurz vor Beginn des Spiels wurde noch einmal die Stimmung getestet und von den beiden Typen für grandios befunden. Und damit das auch so bleibt, kam das Maskottchen
Paule aufs Feld.
Und danach kam das, wofür doch alle gekommen waren. Nein, nicht das Spiel. Die Emotionen. Die Hymne. Die Weltmeister der Herzen. Und Kinder, die die Fahnen tragen durften. Hach. Schön.
Immerhin, gespielt wurde dann doch noch. Und darüber war ich auch sehr froh, denn das was ich alles in nur 40 Minuten (!) vor Anpfiff ertragen musste, wurde halbwegs durch das Spiel entschädigt. Teilweise ansehnlicher Offensivfußball mit schnellen Kombination, haarsträubende Abwehrwackler hüben wie drüben und vier Tore. Einzig die Robert-Enke-Rufe nach einem Patzer von Lehmann ließen mich vor Scham im Boden versinken. Da soll diese Mannschaft unbedingt Europameister werden, nur der Torwart wird nicht unterstützt. Egal, was man von Lehmann halten mag, so eine Behandlung ist einfach unverschämt. Und
seine Reaktion finde ich schon verständlich.
Jedenfalls wird die Nationalmannschaft beim nächsten Mal auf meinen Besuch verzichten müssen. Ich schau halt doch lieber Halbevents in der Bundesliga.